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Erster Teil: Eine Erklärung ... für das Leben

Erster Januar 2021.

AN DIE PUEBLOS, DIE VÖLKER DER WELT.
AN DIE MENSCHEN, DIE IN DEN FÜNF KONTINENTEN KÄMPFEN.

 GESCHWISTER UND COMPAÑER@S,

Während dieser letzten Monate haben wir mit unterschiedlichen Mitteln den Kontakt zueinander hergestellt. Wir sind Frauen, Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Transvestiten, Transsexuelle, Intersexuelle, Queers und mehr, Männer, Gruppen, Kollektive, Vereinigungen, Organisationen, soziale Bewegungen, Pueblos originarios/ursprüngliche Völker, Stadtteil-Zusammenschlüsse, Gemeinden und ein langes Etcetera, das uns Identität gibt.

Uns unterscheiden und uns entfernen von einander: Erden, Himmel, Berge, Täler, Steppen, Dschungel, Wüsten, Ozeane, Seen, Flüsse, Bäche, Lagunen, Ethnien, Kulturen, Sprachen, Geschichten, Alter, Geographien, sexuelle Identitäten und Nicht-Identitäten, Wurzeln, Grenzen, Organisierungsformen, soziale Klassen, Kaufkraft, gesellschaftliche Stellung, Ruhm, Popularität, followers, likes, Währungen, Schulbildung, Art und Weisen zu sein, Arbeiten, Stärken, Schwächen, die Pro, Contra, Aber, Trotzdem – Rivalitäten, Feindschaften, Konzeptionen, Argumentationen, Gegenargumentationen, Debatten, Streitigkeiten, Anzeigen, Beschuldigungen, Verachtungen, Phobien, Vorlieben, Lobpreisungen, Ablehnungen, Pfeifkonzerte, Applaudieren, Gottheiten, Dämonen, Dogmen, Ketzereien, Gefallen, Missfallen, Modi – und ein langes Etcetera, das uns unterschiedlich macht und – nicht selten – gegensätzlich.

Zweiter Teil: DAS WIRTSHAUS

 Der Kalender? Der aktuelle. Die Geographie? Irgendein Winkel in dieser Welt.

Sie wissen nicht so recht, warum – jedoch laufen Sie an der Hand eines kleines Mädchens. Dieses ist kurz davor zu fragen, wo es denn wohl hingehe – als sie zusammen vor einem großen Wirtshaus stehen. Eine enorme Leuchtreklame, wie die eines Kinos, besagt: »DIE GESCHICHTE IN GROßSCHRIFT – Wirtshaus-Bar«. Weiter unten steht: »Kein Zugang für Frauen, Kinder, Indigene, Arbeitslose, AnderE, Alte, Migrant*innen und anderes Gesindel.« Irgendeine weiße Hand hat hinzugefügt:  »In this place, Black Lives does no matter.«  Eine weitere – männliche – Hand schloss sich an: »Frauen können eintreten, falls sie sich wie Männer benehmen.« Beidseits des Wirtshauses stapeln sich die Leichen von Frauen jeglichen Alters – ihrer zerfetzten Kleidung nach: aus allen sozialen Klassen. Sie bleiben stehen und resignierend auch das Mädchen. Beide lugen Sie durch die Tür und sehen ein Durcheinander an Männern und Frauen mit männlichem Gehabe. Auf der Theke, dem Schanktisch schwingt ein Kerl einen Basketball-Schläger und droht damit nach rechts und nach links. Die Menge ist klar geschieden: Auf der einen Seite befinden sich die Applaudierenden, auf der anderen Seite diejenigen, die pfeifen und buhen. Alle sind wie betrunken: der zornige Blick, der Speichel, der über ihr Kinn rinnt, der hochrote Kopf.

DRITTER TEIL: DER AUFTRAG

Davon wie Defensa Zapatista versucht, Esperanza den Auftrag des Zapatismus zu erklären und andere geglückte Argumentationen.

»Nun gut, somit werde ich dir etwas sehr wichtiges erklären. Aber du kannst keine Notizen machen, denn ich möchte, dass du es in deinem Kopf bewahrst. Das Notizheft lässt du eh nur irgendwo herumliegen, deinen Kopf jedoch musst du ständig mit dir herumtragen.«

Defensa Zapatista bewegt sich von einer Seite zur anderen, so wie es – wie gesagt wird – der verstorbene SupMarcos tat, wenn er etwas sehr wichtiges erklärte. Esperanza sitzt unterdessen auf einem Baumstamm und vorausschauend hat sie ein Stück Plane über das feuchte Holz voller Moose, Pilze und Reisigstückchen gelegt.

»Werden wir möglicherweise den Ort schauen, an den wir mit unserem Kampf gelangen?«, gibt Defensa Zapatista von sich und zeigt mit ihren kleinen Händen in eine unbestimmte Richtung.

Vierter Teil: ERINNERUNG AN DAS, WAS KOMMEN WIRD

Oktober 2020.

Vor 35 Oktober.

Der Alte Antonio betrachtet das Lagerfeuer, das dem Regen widersteht. Unter seinem tropfenden Strohhut zündet er seine aus Maisblättern gedreht Zigarette mit einem kokelnden Holzscheit an.

Das Feuer brennt weiter, manchmal versteckt es sich jedoch unter den Scheiten. Der Wind hilft. Mit einer Brise belebt er die Glut der Äste, die mit einem heftigen Rot erneut entflammen.

Fünfter Teil: DER BLICK UND DIE DISTANZ ZUR TÜR

Oktober 2020.

Nehmen wir mal an, es ist beispielsweise möglich, den Blick zu wählen. Nehmen wir einmal an, Sie  könnten sich, und wenn es nur für einen Moment ist, von der Tyrannei der Sozialen Netzwerke freimachen – die nicht nur bestimmen, was gesehen wird und von was gesprochen wird, sondern auch auf welche Weise gesehen und gesprochen wird. Nehmen wir somit an, Sie würden Ihren Blick heben. Weiter nach oben: vom Nächstgelegenen zum Lokalen, Regionalen bis hin zum Landes- und Weltweiten. Sehen Sie es? Ja, sicherlich: ein Chaos, ein Wirrwarr, ein Durcheinander.

SECHSTER TEIL: EIN BERG AUF HOHER SEE

KOMMUNIQUÉ DES GEHEIMEN REVOLUTIONÄREN INDIGENEN KOMITEES – GENERALKOMMANDANTUR DER ZAPATISTISCHEN ARMEE DER NATIONALEN BEFREIUNG

MEXIKO

5 Oktober 2020

An den Nationalen Indigenen Kongress – Indigener Regierungsrat
An die Nationale und Internationale Sexta
An die Netzwerke des Widerstandes und der Rebellion
An die ehrlichen Menschen, die an allen Ecken und Enden des Planten widerstehen

Schwester, Bruder,  hermanoas,
Compañeras, compañeros y compañeroas:

Die Originalvölker mit Mayawurzeln und ZapatistInnen grüßen Euch und wir werden Euch unser gemeinsame Gedanken darlegen, in Anbetracht dessen was wir sehen, hören und fühlen.

Erstens: wir erblicken und hören eine Welt, deren soziales Leben krank ist, zersplittert in Millionen von Personen die sich fremd sind, krampfhaft um das individuelle Überleben bemüht, aber vereint unter der Unterdrückung eines Systems, welches zu allem bereit ist um seinen Durst nach Gewinn zu stillen, obwohl klar ist, dass dieser Weg der Existenz des Planeten Erde zuwiderläuft.